Begegnung der wundersamen Art

Es
war an einem schönen, von warmem Sonnenlicht durchfluteten
Frühlingstag. Um die Fülle der Natur zu genießen beschloss ich
einen Spaziergang zu unternehmen. Auf dem Weg, den ich ging,
gesellte sich am Ortsausgang eines Dorfes, eine Kartäuser-Katze,
mit blauem, flauschigem Fell, zu mir. Sie war sehr zutraulich,
hatte leuchtende, bernsteinfarbene Augen und trug ein Halsband, an
dem ein Schildchen mit der Aufschrift Kitty hing. Ich nahm sie auf
den Arm, strich mit der freien Hand durch ihr weiches Haarkleid,
und sie verwöhnte mein Ohr mit sanftem Schnurren. Bei einer frisch
erblühten Blumenwiese angekommen, sprang sie von meinem Arm
herunter.
 |
Wir rannten leichten Fußes durch das saftig-grüne Gras. In
mehreren,
von einander getrennten Grüppchen, spielten Kinder auf
dieser Wiese. Mein schnurrendes Blau-Tier lief mir immer
wieder zwischen die Beine, so dass ich einmal stolperte und
hinfiel. Ich musste lachen, und blieb liegen, in dem weichen,
grünen Gras. Sie kam zu mir geschlichen, setzte sich auf
meine Brust, und ruhte sich gemeinsam mit mir aus. Das Rufen
der spielenden Kinder wurde leiser, ich dämmerte vor mich
hin. Meine Gefährtin wurde plötzlich unruhig. Sie schien wohl
das für mich nicht wahrnehmbare Piepsen eines kleinen Nagers
gehört zu haben. Ihre Raubtiernatur brach sich Bahn und mit
einem Satz verabschiedete sich die blaufellige Samtpfote von
mir. Ich sie noch eine zeitlang durch das Gras laufen, bis
sich ihre Silhouette in der Ferne verlor. Als ich genauer |
um
mich blickte, stellte ich fest, dass ich mich nahe einem kleinen
Wäldchen befand. Im Spiel mit der Katze war mir das gar nicht
aufgefallen. In den Büschen vor den Bäumen flogen viele Insekten
hin und her. Irgendwie meinte ich aus dem Summen meinen Namen
heraus hören zu können. Ich traute dieser Wahrnehmung zunächst
nicht, vermutete, dass es mit den nach wie vor zu hörenden,
spielenden Kindern zu tun haben könnte. Doch durch das Brummen,
ausgelöst vom Flügelschlag der Insekten, drängte sich mein Name,
gerufen durch eine sanfte Stimme, weiter in mein Ohr. Ich ging
näher an einen der Sträucher heran und sah darin ein geflügeltes
Wesen sitzen, das ohne die transparenten Seidengebilde einem jungen
Mädchen geglichen hätte, wäre es nicht so klein gewesen. Sie würde
in meiner Hand bequem Platz gefunden haben. Als ich näher kam,
erkannte ich, dass sie ein zartes, fliederfarbenes Gewebe trug,
welches wie ein leichtes Sommerkleid geschnitten war. Ihre Flügel
bewegten sich leicht hin und her. Von der Anmut und Zartheit dieses
Wesens war ich wie benommen. Und wieder hörte ich meinen Namen, den
diese kleine Gestalt mir zurief. Plötzlich beschleunigte sich ihr
Flügelschlag. Sie erhob sich in die, von leichtem Wind bewegte,
Luft und flog in Richtung Wald davon. Wie von einer inneren Stimme
dazu aufgefordert folgte ich ihr. Nie war sie so schnell, dass ich
sie aus den Augen verloren hätte. Ihrer Führung vertrauend leitete
sie mich einem geheimen Ziel zu. Das helle Licht der Sonne wurde
durch die großen Nadelbäume in der Intensität gemindert.

Der
Waldboden und die kleineren Pflanzen leuchteten in milderen
Pastelltönen und schufen eine Atmosphäre sanfter Zartheit. Der Weg
durch die Bäume führte einer kleinen Lichtung zu, in die die Sonne
mit besonderer Behutsamkeit ihre Strahlen verschwendete. Das
geheimnisvolle Wesen, dem ich gefolgt war, setzte sich auf einen
niedrigen Ast eines kräftigen Laubbaumes. Wieder rief sie mich, mit
meinem Namen, näher zu ihr zu kommen. Als ich vor dem Baum stand,
ihre Schönheit bewundernd, umflogen mich plötzlich viele dieser
kleinen Gestalten. Ich hielt den Atem an. Was war das hier nur für
ein sonderbarer Ort? Jedes dieser Wesen war auf ihre Weise
bezaubernd. Das vielfältige Kreisen um mich ließ mich schwindelig
werden. Ich lehnte mich rückwärts an den Stamm, konnte so meine
Fassung zurück gewinnen. Einige der märchenhaften Erscheinungen
setzten sich neben meiner Führerin auf dem Ast nieder. Ein Teil
flog höher in den Baum.

Zwei, anscheinend ganz mutige, Exemplare
wagten sich auf je eine meiner Schultern niederzulassen. Ich konnte
die ungewöhnliche Wärme spüren, die von beiden ausging. Sie
forderten mich auf, meine rechte Hand zu heben. Indem ich die
Innenseite nach oben drehte, nutzte dies das Wesen, das mich
hierher geführt hatte, als Landeplatz und so fand sie sich genau
vor meinem Gesicht wieder. Von ihr ging eine noch angenehmere Wärme
aus. Ihre Anmut und Schönheit raubten mir fast die Sinne. Sie erhob
sich aus meiner Hand und drückte mir im Flug, fast war es wie ein
leiser Lufthauch, einen Kuss auf die Nasenspitze. Wieder setzte sie
sich auf meine Hand, die ich noch immer in die Höhe, vor mein
Gesicht, hielt. Durch ihr winziges Händchen bliese mir nun eine
Art Staub entgegen, der in den vielfältigsten Farben glitzerte. Man
hätte meinen können es seien die Funken einer sprühenden
Wunderkerze. Mir wurde ganz anders zumute. Hätte ich es nicht
besser gewusst, ich dachte selbst des Fliegens fähig zu sein. Mir
schwanden die Sinne. Bevor ich ganz das Bewusstsein verlor, vernahm
ich noch einmal die Stimme meines schönen, geflügelten Wesens.
„Mein Name ist Glöckchen und ich bringe dich in mein Elfenreich.“
Danach wurde es dunkel um mich.
|